„Die vier Himmelsrichtungen“

von Roland Schimmelpfennig

Das Theaterensemble Daedalus Company bringt „Die vier Himmelsrichtungen“ von Roland Schimmelpfennig auf die Bühne des Gallus Theaters in Frankfurt. Schimmelpfennig ist der zur Zeit meist gespielte Bühnenautor Deutschlands. Premiere am 25. Februar 2016 um 20 Uhr. Die Produktion ist eine Kooperation mit der Hochschule für Gestaltung Offenbach und dem Gallus Theater.

In dem Stück stehen vier Figuren im Zentrum des Geschehens, die aus den vier Himmelsrichtungen – Norden, Süden, Westen, Osten –  an den Ort dieser Geschichte kommen und deren Wege sich schicksalhaft kreuzen, mit tiefgreifenden Folgen für alle. Auch in Frankfurt treffen täglich Menschen aus allen Teilen der Erde ein, um ein neues Leben aufzubauen. So kreuzen sich auf diese Weise schicksalhaft viele menschliche Wege mit allen daraus entstehenden Konsequenzen. Wie ein Puzzle setzt Schimmelpfennig die Geschichten der vier Protagonisten nach und nach zusammen und macht den Blick frei für grundlegende Themen unseres Lebens: die Suche nach dem eigenen Platz in der Welt, die Anforderungen, die eine mobile Gesellschaft an jeden Einzelnen von uns stellt, den Wunsch, irgendwann im Leben irgendwo anzukommen und nicht zuletzt die uralte Frage nach der Bedeutung der Liebe. An den Figuren wird deutlich, dass alles miteinander zusammenhängt. Entscheidungen, die jeder für sich trifft, haben immer Auswirkungen auf die uns umgebenden Menschen, ganz gleich, ob sie zu dem eigenen Bekanntenkreis gehören oder uns tatsächlich auch fremd sind. Und anders als wir glauben, können wir die Folgen hieraus nicht in vollständig überblicken oder gar vorhersehen. Schimmelpfennigs eigene Art des Erzählens selbst ist für uns wie eine Reise mit unbekanntem Ziel.

Das Stück „Die vier Himmelsrichtungen“ war eine Auftragsarbeit für die Salzburger Festspiele in Koproduktion mit dem Deutschen Theater Berlin und wurde am 30. Juli 2011 bei den Salzburger Festspielen unter der Regie des Autors Roland Schimmelpfennig zur Uraufführung gebracht.

Ein kräftiger Mann fährt in einem LKW mit 130 Stundenkilometern in eine Kurve und verunglückt. Er kommt aus dem Norden, bringt Regen mit und kauft einen Revolver. Seinen LKW mit der Ladung – 400 Kartons mit bunten Modellierballons – lässt er einfach liegen. Ein kleiner Mann kommt aus dem Süden, bringt Nebel und hat zwei Zungen. Er findet diese Kartons, packt die sich ihm bietende Gelegenheit beim Schopfe und beschließt, damit als Kleinkünstler durchzustarten. Beide Männer verlieben sich in dieselbe junge Frau. Sie kommt aus dem Westen mit Wind und hat Schlangenhaare. Sie arbeitet als Kellnerin. Madame Oiseau aus dem Osten ist die Freundin vom kleinen Mann, der die Modellierballons findet. Sie brachte vor zwanzig Jahren Schnee und Eis mit und kann bei anderen Menschen in die Zukunft sehen. Und nur sie weiß, dass die vier einander zum Schicksal werden.

Aufführungsrechte beim S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main

Besetzung

Eine Frau / Eine junge Frau
Ein Mann / Ein kräftiger Mann

Jule Richter / Cecilia Hafiz
Dominic Betz / Axel Brauch

Regie
Bühne + Kostüme
Licht
 
Sound + Fotos
PR
Regieassistenz

Regina Busch
Tobias Maier
Jan Hartmann,
Thomas Wortmann
Frank Marheineke
Dörthe Krohn
Mina Reinhard Hassenzahl

Zu Roland Schimmelpfennig

wurde 1967 in Göttingen geboren. Er ging nach dem Abitur und Zivildienst für ein Jahr nach Istanbul, wo er als freier Journalist und Autor für eine deutsch-türkische Monatszeitschrift Texte redigierte. Im Jahre 1990 begann er sein Regiestudium an der Otto-Falckenberg-Schule in München und wurde nach erfolgreichem Abschluss Regieassistent und später Mitarbeiter der künstlerischen Leitung an den Münchner Kammerspielen unter der Intendanz von Dieter Dorn. Seit 1996 arbeitete er als freier Autor, zeitweise auch als Dramaturg an der Berliner Schaubühne. Der verstorbene Regisseur Jürgen Gosch inszenierte zwischen 2001 und 2009 zehn seiner Stücke. „Der goldene Drache“ wurde zum Theatertreffen 2010 eingeladen und wurde bei der Kritikerumfrage von Theater Heute zum Stück des Jahres gewählt.

Sein Stück „Fisch um Fisch“ erhielt 1997 den Else Lasker-Schülerpreis, 2002 und 2009 kam der  Wiener NESTROY-Theaterpreis für das „Beste Stück“ („Push-up 1-3“und „Besuch bei dem Vater“) dazu, 2010 der Else Lasker-Schüler Dramatikerpreis.

2012/13 wurde er mit der 2. Saarbrücker Poetikdozentur für Dramatik an der Universität des Saarlandes betraut.

Das Projekt wurde gefördert von:

Fotogalerie

Alle Fotos von Frank Marheineke

In der Presse

(aus rechtlichen Gründen immer nur ausschnittweise)

Frankfurter Neue Presse am 27.02.1016

Sinnsucher auf dem Weg zur Klarheit

Das freie Ensemble „Daedalus Company“ zeigt Roland Schimmelpfennigs experimentelles Stück „Die vier Himmelsrichtungen“ am Frankfurter Gallus Theater – Differenzierte Schauspielkunst von einem glänzend eingespielten Ensemle ist unter der Regie von Regina Busch im Gallus Theater zu erleben. Jeder der vier Darsteller ist – bei karger Bühne – in der Lage, virtuos die Textebenen zu wechseln, mit direkter und indirekter Rede zu spielen, einmal die Künstlichkeit herauszustellen, dann wieder ins Reale zurück zu kehren. In 52 kurzen Szenen wird Distanz zum Geschehen geschaffen, das aus verschiedenen Perspektiven wieder und wieder erzählt wird. Zunächst ist das verwirrend. Doch dann verdichtet es sich langsam und mit großer Sogwirkung zu einer Art höherer Klarheit.

Autor Joachim Schreiner

Frankfurter Rundschau am 08.04.2016

Vom Laster gefallen

Im Frankfurter Gallus-Theater bringt die Daedalus-Company das Stück in einer Inszenierung von Regina Busch mit sozialkritischem Anspruch auf die Bühne. Diese Deutung wird im Programmheft mitgegeben, aber Schimmelpfennigs Stoff sperrt sich etwas dagegen – zu viele Anspielungen, Symbolik, Motive, zu viel Mythos, Tod, Tiere sind im Text. Zum Ansatz passt, wie unaufhaltsam sich die Handlung entfaltet. Die Unentrinnbarkeit der Verhältnisse, um die es der Inszenierung geht, spiegelt sich in der Form: Der Text, der mehr rezitiert als gespielt wird, rollt durch und über die Figuren hinweg, zersplittert in Vor- und Rückblenden, in Samples, die immer wieder geloopt werden. Die Figuren sprechen mitunter nicht einmal für, sondern über sich – oder im Chor. Einen großen Teil des Textes nur wenig durch Spiel zu unterstützen, gelingt dem Ensemble: Stimmlich stimmig, präzise, ruhig, ohne Längen.

Autor Martin Steinhagen

© Alle Rechte vorbehalten. Frankfurter Rundschau GmbH, Frankfurt.

Strandgut, das Kulturmagazin, April 2016

Schlangenfrau und Ballonkneter

Gallus Theater „Die vier Himmelsrichtungen“ als Bilderrätsel

Wir sind im Niemandsland. Die filzige Bahn, die sich quer über die Parkettbühne und mitten durch den Zuschauerbereich zieht, ist mit Sand und Schotter belegt (Bühne/Kostüme Tobias Maier). Nur vorsichtig setzt man seine Schritte hin zu den Sitzen, die das Geschehen von drei Seiten einrahmen. -  Dem Publikum wird die Geschichte sehr poetisch, mal rhythmisch, mal prosaisch, im Chor, im Dialog, in dritter Person serviert. Klingt anstrengend, ist es aber nicht ... In dieser hellwachen und auch choreographisch fein getakteten Inszenierung wechseln die Akteure mehrmals ihre Erscheinung, um am mystisch-mythischen Ende göttlich bei sich selbst anzukommen. Starker Applaus.

Autor Winnie Geipert

www.strandgut.de

Frankfurter Allgemeine Zeitung am 05.03.2016

Kontrahenten im Wortgestöber

Die vier Himmelsrichtungen" der Daedalus Company im Frankfurter Gallus Theater
Eine Ratte kämpft mit einer Elster - der Vogel obsiegt und handelt sich mit dem in der Ratte schon rumorenden Gift das eigene Ende ein. Die am Rand eingeflochtene Episode könnte den Schlüssel geben für die Reihe gewalttätiger Begegnungen von der Schlägerei bis zum Raubüberfall, bei dem jeder Angreifer seinen Untergang heraufbeschwört. Die Kontrahenten kommen in Roland Schimmelpfennigs "Die vier Himmelsrichtungen" aus dem Norden und dem Süden, die Frauen aus dem Westen und dem Osten bringen zusammen mit schlechtem Wetter einen Teil des fehlenden Konfliktpotentials mit ein. Das Ganze bewegt sich schicksalhaft aufeinander zu, wenn etwa der eine Mann mit einem Laster voller Luftballons in die Kurve rast, damit der andere mit der verlorenen Ladung seine Berufung als Ballonkünstler entdecken und ausleben kann und der erste wiederum mit Strumpfmaske und Pistole sein Glück im Schnapsladen versucht.

Autor Jürgen Richter

reinMein – Die überlokale Zeitschrift im Februar 2016

Erzählt das Erzählen

 Es werden die persönlichen Geschichten von zwei Frauen und zwei Männern berichtet, die wie Tangenten aus Nord, Süd, Ost und West auf eine zeitlich und örtlich begrenzte Berührung zulaufen, um danach wieder auseinanderzugehen ... Unter der Regie von Regina Busch machen die Schauspieler_innen Jule Richter, Cecilia Hafiz, Dominic Betz und Axel Brauch die Erzählungen der „einfachen Leute“ zu ganz individuellen, besonderen Lebensberichten. Interaktion, Körpersprache, Kostüme, Ausstattung, Bühnenbild (Tobias Maier), Musik (Frank Marheineke) und Licht (Jan Hartmann, Thomas Wortmann) sind unerlässliche Puzzleteile; sie vollenden Schimmelpfennigs Text, der tatsächlich nur auf der Bühne seine volle Wirkung entfalten kann.

Autorin Dörthe Krohn

FRIZZ Frankfurt im April 2016

Die vier Himmelsrichtungen

Zwei Frauen, zwei Männer erzählen einander, in Wiederholungen nacheinander, mitunter gleichzeitig im Chor ihre wie schicksalhaft sich kreuzenden Lebenswege. Die vier kommen nicht nur aus vier Himmelsrichtungen und bringen, so sagen sie, vier Wetter mit: Regen, Wind, Nebel, Eis, sie sind überdies mit der griechischen Mythologie verwoben. Alles endet tragisch. Die jungen talentierten Schauspieler Jule Richter, Cecilia Hafiz, Dominic Betz und Axel Brauch geben in ihren Rollen alles.

Autorin Franziska Jentsch